Pucken- Gefängnis fürs Baby?

von Svenja Höse

Nähe und Begrenzung.

Alle Welt puckt. Weil es die Hebamme sagt, weil es in schlauen Büchern steht, weil es alle machen. Pucken soll gut sein fürs Baby. Pucken soll Nähe und Begrenzung schaffen. Pucken soll mein Kind beruhigen, Bonding und Körperkontakt ergänzen, Sicherheit bieten.Die Großeltern schimpfen- das arme Kind kann sich ja gar nicht bewegen. Kritiker schimpfen- die Hüften reifen damit schlecht.
Doch was ist Pucken genau, ist es gut für mein Baby? Was für Vorteile hat es und wie geht Pucken überhaupt?
Was ist Pucken eigentlich?

Pucken meint das enge Einwickeln eines Babys in ein Tuch, um seine Umwelt damit zu begrenzen, um die räumliche Enge des Mutterleibes nachzuahmen, dem Kind so mehr Sicherheit zu schaffen.
Unruhige Babys können so effektiv beruhigt werden, vor allem wenn der Mororeflex noch sehr aktiv ist. Dies ist ein frühkindlicher Reflex, der das plötzliche nach Hintenreißen der Arme und das anschließende wieder vor der Brust zusammenführen der Arme beschreibt. Er wird vom Kinderarzt getestet, in dem dieser das Baby zügig nach hinten zur Matte führt und damit den Reflex auslöst. Manche Kinder sind hier aber sehr empfindlich und der Reflex löst sich schon durch laute Geräusche oder auch dem tiefen Einatmen des Kindes aus. Dadurch schlafen die Kinder deutlich unruhiger und wachen gehäuft auf. Das liegt unter anderem auch an der empfohlenen Rückenlage, die wegen der Vermeidung des plötzlichen Kindstods absolut seine Berechtigung hat, aber leider damit dem Kind eine ungewohnte Schlafposition in Rückenlage ohne Begrenzung aufzwingt. Babys, die Bauchweh haben und sich dadurch sehr steif machen werden in einer bauchentlastenden Position gepuckt und die Bauchschmerzen werden gelindert.Und manchmal sind es die kleinen Situationen, die mit dem Pucken etwas entspannt werden. Die Mama möchte endlich einmal 5 Minuten unter die Dusche hüpfen. Das größere Geschwisterkind braucht eine frische Windel. Das Essen möchte fertig gekocht werden. Hier eignet sich Pucken perfekt um sich die Zeit zu verschaffen, die man braucht, aber gleichzeitig dem Neugeborenen die Nähe und Geborgenheit zu schenken, die es benötigt.

Was aber ist dran an den kritischen Stimmen?

Kritische Stimmen gibt es bei allem, was du als junge Mama oder junger Papa mit deinem Kind tust. Das liegt zum Einen daran, das die Ansichten und Zeiten sich regelmäßig ändern und es immer wieder neue Erkenntnisse und schlaue Stimmen gibt, die das Alte und Bewährte in Frage stellen. Zum Anderen führen viele Wege nach Rom, und jeder findet seinen Weg am besten oder ist neuen oder anderen Wegen nicht offen gegenüber.
Am meisten verunsichern uns diese Stimmen natürlich aus der eigenen Familie, aber auch, wenn auf einmal angebliche Expertenmeinungen im Internet kursieren und vehement gegen etwas schreien, was lange bewährt war. So werden junge Familien massiv verunsichert, und schnell lässt man etwas sein, was eigentlich gut für das Kind wäre aus Angst dem eigenen Baby zu schaden.
Ich möchte dir hier ein wenig diese kritischen Meinungen erklären. So hast du selbst die Möglichkeit, für dich und dein Kind einen passenden Weg zu finden.

Kritik eins – Pucken hemmt die motorische Entwicklung

Ein Baby bringt einen ganz eigenen Plan mit, wann es mit dem Drehen beginnt, wann es krabbeln möchte, wann es seine ersten Schritte tut. Hier können wir von außen gar nichts beeinflussen.
Das Sprichwort: „Das Gras wächst auch nicht schneller wenn man daran zieht“ passt hier perfekt. Egal was ich tue, wie oft ich mit meinem Kind das Drehen übe – es wird sich erst dann drehen, wenn es das motorisch und nach seinem eigenen Plan kann und will. Im Gegenzug dazu kann ich also auch nicht hemmen, wenn ich das Kind pucke, um ihm Begrenzung zu geben.
Am meisten hat das Kind das Pucken und die Begrenzung nötig nach der Geburt und den ersten Wochen. Also lange bevor das Kind sich überhaupt fortbewegen möchte. Anfangs schadet es also dem Kind selbst dann nicht, wenn es die überwiegende Zeit des Tages eng gepuckt wird. Nach und nach wirst du merken, das dein Kind ruhiger wird, aufmerksamer seine Umwelt verfolgt und ganz automatisch aktiver und bewegungsfreudiger wird. Du wirst dann automatisch weniger Pucken und irgendwann vielleicht das Pucken nur noch zum Schlafen anwenden.
Andere Nationen pucken übrigens sehr viel mehr und schon sehr viel länger als wir in der westlichen Welt. Eskimos zum Beispiel pucken ihre Kinder im ersten Jahr fast nur und – Überraschung – auch diese Kinder entwickeln sich völlig normal und gesund, lernen zeitgemäß krabbeln und laufen und haben keine Schäden vom Pucken davongetragen.
Du kannst also getrost darauf vertrauen, das dein Kind sich mit dem Pucken genauso gut entwickelt, vielleicht aber dadurch deutlich entspannter ist, zufriedener und ausgeglichener. Dadurch hat dein Kind vielleicht sogar mehr Lust, sich auf seine eigene motorische Entwicklung einzulassen, als wenn es gestresst ist, weil es durch den ständig wirkenden Mororeflex oder wenn es viel Schreien muss, weil es alleine im großen Bett liegt während Mama duscht und so ganz andere Prioritäten in der Entwicklung setzen muss.

Kritik zwei – Es schadet der Hüftentwicklung

Hier muss man ganz klar sagen-es kommt auf die Pucktechnik an. Es gibt tatsächlich eine Technik, bei der die Beine ausgestreckt in die Länge zusammengewickelt werden. Bei dieser Pucktechnik sind theoretisch tatsächlich Hüftreifungsverzögungen möglich und davon rate ich dir dringend ab.
Wendest du aber die übliche Technik an, bei der die Ärmchen nah an den Körper gewickelt werden und die Beinchen zum Körper angewinkelt liegen kann der noch unreifen Hüfte nichts passieren.

Kritik drei – zu eng fürs Kind

Als erwachsene, sich frei bewegende Person mag es von außen betrachtet sehr eng erscheinen, wenn ein Baby gepuckt ist. Stelle dir aber vor, du bist wieder ein zartes Neugeborenes. Gerade auf die Welt geschlüpft. Was kennst du bereits von deiner Umwelt? Den engen Bauch deiner Mama, die dich schützend und vor zu vielen Einflüssen von außen abgeschottet nah bei sich hatte. Jede Bewegung war durch die Gebärmutter begrenzt, du hattest deine kleine Welt, um dich herum eine schützende Hülle.
Genau das gibt das Pucken deinem Baby zurück. Enge, Begrenzung, Nähe und Schutz.

Mach dir also keine Sorgen, dass es seinem Baby zu eng ist.
Es kennt die Welt ja noch gar nicht anders.

Und wie geht nun dieses Pucken?

Schau dir hierzu mein Video unter Tutorials an, hier erfährst du eine schöne Pucktechnik und ich zeige dir Schritt für Schritt, wie es geht.

Ausserdem zeige ich dir ein paar Variationen und auch, wie du mit Spreizhose/-Schiene Pucken kannst.

Meine drei Kinder liebten das Pucken, wir haben sicher ca. 5 Monate lang zum Schlafen gepuckt und die Kinder waren zufrieden und die Nächte waren ruhiger.

Hier findest du die Anleitung auch als Bilderserie:

Lege das Tuch mit einer Ecke nach oben vor dich hin

Falte nun die obere Ecke ein Stück zur Mitte ein

Lege dein Baby mittig auf das Tuch, sodass ein kleiner Rand über den Schultern deines Kindes sichtbar ist

Führe nun ein Händchen zum Bauch deines Babys
Ziehe nun die eine Tuchseite unter

Zug diagonal zur gegenüberliegenden Hüfte und stecke das Tuch unter die Hüfte deines Babys
Führe nun den anderen Arm zum Bauch deines Babys

Bauch deines Babys
Schlage nun unter Zug die andere Tuchbahn über die Schulter deines Babys ein und halte das Tuch vor der Brust deines Babys kurz fest

Ziehe nun das restliche Tuch von der Seite her vor der Brust deines Babys kräftig unter Zug um dein Baby herum
Einmal kräftig um den Körper gewickelt kannst du nun den Rest des Tuches vor der Brust in die Tuchbahnen einstecken, damit es gut hält und nicht gleich wieder aufgeht.

Führe nun die Beinchen in Spreiz-Anhockhaltung zum Bauch deines Babys und stecke die untere Tuchspitze ebenfalls in die Tuchbahnen vor der Brust deines Babys fest.
Nun kannst du dein eingepucktes Baby zum Beispiel zum Kuscheln auf den Arm nehmen.

Wann entwöhnen?

Du kannst dein Kind so lange Pucken, wie es deinem Kind und dir gefällt. Irgendwann kommt allerdings der Zeitpunkt, an dem dein Kind beginnt sich zu Drehen. Dann kann es sein, dass dein Kind sich in eine missliche Lage dreht, aus der es sich nicht mehr befreien kann. Dann musst du dein Kind langsam vom Pucken entwöhnen. Dazu kannst du erst einen Arm aus dem Pucktuch herausnehmen und schließlich den Zweiten an. Bis dein Kind irgendwann auch ohne Pucken schläft .

Alternative Puckmöglichkeiten

Es gibt natürlich spezielle Pucktücher, die ähnlich einem elastischem  Tragetuch ein klein wenig dehnbar sind.  Zu Beginn passt ein Neugeborenes oft sogar in eine Stoffwindel.

Manch einer Familie ist aber die Technik mit dem Tuch zu umständlich. Dafür gibt es auch Pucksäcke und praktische Einschlagtücher, die mit Klettverschlüssen einfach um das Kind herum verschlossen werden können.

Muss ich Pucken?

Nein – garnichts musst du. Es ist nur eine wunderbare Möglichkeit, deinem Kind noch ein bischen Nähe und Begrenzung zurück zugeben und Sicherheit zu schaffen.

In allem was ich meinen Familien in den Kursen vorschlage sage ich aber auch immer – es muss zu deiner Familie passen. Bist du also gar nicht der Pucktyp oder schläft dein Kind gar relaxed mit ausgestreckten Armen im großen Bettchen und ist tiefenentspannt, dann braucht dein Kind vielleicht auch gar nicht gepuckt werden.

Stellst du aber fest, das dein Kind sehr unruhig ist, häufig zusammenzuckt, viel schreit und viel Bauchweh hat, dann kann Pucken eine wunderbar entlastende Möglichkeit für dich darstellen. Und vor allem für dein Kind.

Was hast du für Erfahrungen? Puckst du dein Kind schon? .

Alles Liebe,

Deine Svenja

Kinderkrankenschwester, Osteopathin, Heilpraktikerin und 3-fache Mama

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Svenja Höse

Kinderkrankenschwester, Heilpraktikerin
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